Alle paar Monate ertappe ich mich dabei, zu denken, dass Videografie eine gute Ergänzung bzw. Abwechslung zur Fotografie ist. So nehme ich immer wieder Bewegtbilder statt Fotos auf und versuche, diese zu einer halbwegs ansprechenden Montage zusammenzukleben. „Film“ will ich das Ergebnis ja gar nicht nennen, da dieser ein Storyboard hat und mein Ergebnis eher eine Sequenz von Clips ist. In diesem Post soll es um die Herausforderungen gehen, die einen beim Einstieg in die Filmerei erwarten – es ist nämlich überraschend komplex, mit vertretbarem Aufwand ein halbwegs ansehnliches Filmchen zu erzeugen. Das schon mal vorneweg.
Eines der großen Probleme beim Filmen ist die Tatsache, dass man in den Videoclips jede falsche Bewegung sieht. Also braucht man irgendeine Art der Stabilisierung. Die in meiner (Foto)kamera, die natürlich auch Videos aufzeichnen kann, eingebaute Stabilisierung (IBIS und Software) reicht für meine grobmotorischen Patscherchen nicht aus. Zusätzliche Stabilisierung „in post“ durch Funktionen des Schnittprogramms funktioniert meist nicht gut, da diese Funktion nur das Videomaterial auswertet, unerwünschte Bewegungen erkennt und dann behebt. Es gibt aber auch Programme wie Gyroflow, die im Footage eingebrannte, durch das Gyroskop der Kamera gemessene Bewegungsmetadaten einlesen und so ein wesentlich besser stabilisiertes Video berechnen können. Das ist aber noch einmal ein Zwischenschritt, der Zeit und Mühe kostet. Das Ergebnis ist auch nicht immer perfekt und zudem croppt das Programm natürlich stark ins Bild – irgendwie muss das Gewackel ja kompensiert werden – was einen Verlust in Auflösung und Bildwinkel mit sich bringt.
Also bieten sich als Alternativen Handy oder Actioncam an. Die stabilisieren zwar ganz gut, liefern aber auch nicht wirklich sexy aussehendes Footage. Eine weitere Alternative sind Gimbals, also Geräte, die Dreh-, Neig- und Rollbewegungen einer Kamera ausgleichen können. Man hat da zwei Optionen: a) ein Gimbal, an das man eine „echte“ Kamera samt Objektiv anschraubt (das hat einen Women’s-Acceptance-Factor von minus unendlich und macht dich unweigerlich zum König der Deppenzepterträger) oder b) ein Gimbal mit fest angeflanschter Minikamera. Denke: „Kameradrohne ohne Propeller“.
So eine flügellahme Drohne habe ich (gebraucht) gekauft. Die Menschen auf YouTube sagen nämlich, dass dank 1-Zoll-„großem“ Sensor (wow!) und dem 3-Achsen-Gimbalsystem tolle, ääääh, „cinematic“ Aufnahmen entstehen sollen. Da YouTube sicherlich überhaupt gar kein finanzielles Interesse daran hat, solches Equipment in den Himmel zu loben, habe ich das einfach mal geglaubt 😉
Sagen wir es mal so: Was aus dem Kamerastick herausfällt, der ein bisschen so aussieht, als gehöre er eigentlich in eine proktologische Praxis, ist nicht übel. Man sieht, dass das Footage physisch stabilisiert ist und nicht durch Software. D. h., die komischen Quetsch- und Dehnartefakte, die durch die Software-Stabilisierung oft entstehen und Clips völlig verhunzen können, treten nicht auf. Der Nachteil ist aber, dass ein 3-Achs-Gimbal nur Dreh-, Neig- und Rollbewegungen der Kamera ausgleichen kann. Bewegungen der Kamera im Raum (nach oben/unten, links/rechts, vor/zurück) kann es nicht ausgleichen, und die Funktion, dies in Software zu beheben, fehlt. (Warum eigentlich? Ein hybrides System zu bauen, sollte doch möglich sein?) Zugegeben, dieses Manko fällt meist gar nicht auf. Nur beim Gehen wird das „Bopping“, das bei jedem Schritt passiert, sichtbar. Oder dann, wenn man sehr nah an einem starren Objekt insb. in Bodennähe filmt, sieht man, dass die Kamera sich im Raum leicht bewegt. Teils auch sehr hinderlich ist, dass das Gimbal ab und an seinen eigenen Kopf zu haben scheint: ab und an schwenkt das Ding z.B. plötzlich langsam nach rechts, was ich aber gar nicht haben wollte.
Ein großer Nachteil dieser Kamera ist das Objektiv. Das hat eine feste Brennweite und ist so konzipiert, dass es den coolen Creator samt seiner hippen Umgebung locker abbilden kann, wenn es auf Armeslänge vor der gefacemaxxten Influencer-Visage gehalten wird. Für Vloggen („Hallo, i bims, der Holger, ich stehe hier an 1 Baggersee …“) ist das sicherlich super. Leider habe ich keine Intention solche Videos zu machen. Und für alles Weitere sind auf Vollformat umgerechnete 20 mm Brennweite halt schon sehr, sehr weit. Das merkt man z. B. dann, wenn man sich einen guten Meter vor einen kapitalen Schwan hinkauert und man selbigen nachher im Bild suchen muss. D. h., in solchen Situationen muss man so nah ran, dass das ärgerliche Wassergetier entweder die Flucht ergreift oder den Videografen an. Beides ist suboptimal. Und natürlich verzerrt so ein Weitwinkel stark, die Freistellbarkeit von Dingen ist dank des kleinen Sensors und der kurzen Brennweite kaum vorhanden, und last but not least sehe ich chromatische Aberrationen des Todes in feinen Details, wie z. B. Ästen vor hellen Wolken.
Und dann haben wir noch das Problem, dass das in der Fotografie schon etwas nervige Thema der Verschlusszeiten in der Videografie zu einem Endboss wird. Der Grund ist nämlich der: Beim Filmen will man normalerweise eine Verschlusszeit von der doppelten Framerate haben. Also z. B. 24 Frames pro Sekunde ergeben eine Belichtungszeit von 1/50 Sekunde. Das sorgt dafür, dass schnelle Bewegungen mit Bewegungsunschärfe abgebildet werden – ganz so, wie unsere trägen Augen auch ohne Kamera sehen. Andernfalls hat man stroboskopartige, bewegte Standbilder, die einfach fürchterlich aussehen. D. h., das Ziel ist eigentlich, die Kamera fest auf 1/50 Sekunde Belichtungszeit einzustellen. An hellen Tagen muss man dann aber logischerweise mit einem ND-Filter die in die Kamera einfallende Helligkeit so drosseln, dass die ISO-Automatik eine Chance hat, den Rest der Belichtung regeln zu können. D. h., hier ist weiteres Equipment nötig, das man dabeihaben und je nach Lichtsituation auch wechseln muss.
Kommen wir zur Verarbeitung der aufgenommenen Videoschnipsel. Das im Mac eingebaute Videoschnittprogramm würde für meine Zwecke, Ansprüche und Können völlig ausreichen. Es kann aber eines nicht: im D-Log-Format aufgenommene Videoclips in den normalen Farbraum umwandeln. D-Log ist für Videos etwa das, was RAW-Dateien für Fotos sind. D. h., man muss jedes Filmchen erst durch eine Reihe von Verarbeitungsschritten in etwas Vorzeigbares umwandeln. Color Correction und Color Grading nennt das der Fachmensch. Geht das nicht einfacher? Ja, doch. Man kann auch in einem „normalen“ Modus filmen, dann bekommt man das Äquivalent zu einem JPEG, das bei solchen kleinen Kameras aber gern übersättigt ist und einfach künstlich aussieht. Also braucht man einen professionellen Videoeditor, der mit D-Log-Videos umgehen kann, wie z. B. DaVinci Resolve. Das Programm gibt es sogar als kostenlose (aber etwas eingeschränkte) Variante, es ist aber in seiner Bedienung etwa so komplex wie eine Artemis-II-Raumkapsel. Das meine ich nicht negativ; es kann halt all das, was auch in professionellen Filmproduktionen benötigt wird. Und das lernt man halt nicht in 10 Minuten. Als alter LaTeX-Nutzer bin ich aber leidensfähig, daher geht für mich so eine Software in Ordnung. Wer jedoch keine Lust hat, sich in ein solches Programm einzuleben, hat ein großes Problem.
Und dann kommt die Frage aller Fragen: Was macht man mit dem Ton? Den in den Clips enthaltenen Ton kann man meist nicht gebrauchen. Mal ist nur der Wind zu hören. Mal plärrt erst ein Kind, dann seine Mutter. Vielleicht rauscht auch mal ein Bach … Das will man natürlich nicht in voller Lautstärke und irgendwie zusammengeschnitten im Filmchen hören. Insbesondere entsteht so auch keine „akustische Kontinuität“, die die Clips irgendwie zusammenklebt. Also muss man passende Geräusche und/oder Musik über die Geräuschkulisse der Clips legen. Nur welche Musik nimmt man da? Wenn es im Internet veröffentlicht werden soll, irgendeine Komposition aus einer Quelle mit „Royalty Free“ Music – also Musik, die man kostenfrei für solche Hobbyproduktionen nutzen darf. Tut man das nicht, droht ein Brief von Helene Swifts Anwalt wegen Copyright Infringement. Ich bin eigentlich positiv überrascht, wie viele derartige Musikstücke existieren – irgendetwas Passendes und vor allem Gutes zu finden, ist aber verteufelt schwer und gelingt mir nie. Und wie man sich denken kann, sind manche einige viele dieser Stücke eher geeignet, um um 19:50 Uhr die letzten Kunden aus dem Edeka zu vertreiben …
Zum Schluss noch zwei Beispiele, die Gimbalkamera und normale Kamera gegenüberstellen. Video 1 stammt vom Wochenende und wurde mit der flügellosen Drohne aufgenommen:
Und hier Video 2 aus der „richtigen“ Kamera – ich weiß allerdings nicht mehr, mit welcher Methode ich die Clips stabilisiert habe, da es aus dem letzten Jahr stammt:
Wie ich schon sagte: Es ist schwierig, ein halbwegs vorzeigbares Filmchen zu produzieren … Und über solche Sachen, wie eine Story zu erzählen, und welche Mühe und Planung das kosten würde, haben wir noch gar nicht gesprochen …
Den Gimbalstick habe ich übrigens zwischenzeitlich wieder zurückgegeben; das Gerät ist gut, aber für das, was ich tun will, nicht optimal geeignet.

Schreibe einen Kommentar