Radfahren, so heißt es immer wieder, mache Spaß und sei obendrein die mit Abstand effizienteste Art der Fortbewegung. Also nicht nur für uns Menschen, sondern auch im Vergleich zu Fischen im Wasser, Vögeln in der Luft, Füchsen auf dem Waldweg oder Nacktmullen im Erdreich. Keiner bewegt sich relativ zu seinem Gewicht und der erzielten Geschwindigkeit mit weniger Energiebedarf fort als du, ich und Dörte auf dem Fahrrad.
Vorhin habe ich beschlossen, mich besonders effizient und spaßig in den Cola-Zero-Garten am See zu bewegen, um dort nicht mehr an meinem Projektantrag, sondern lieber an meinem Teint zu arbeiten. Was ein Cola-Zero-Garten ist? Ein Biergarten für Biertrinker, die gerade kein Bier trinken, aber noch immer keinen Garten haben. Glad you asked.
Also Schuhe an. Runter in den Keller. Uuuund … rauf aufs Rad? Pustekuchen. Die Reifen des Radels waren nach der Winterpause ähnlich druckvoll wie eine Regierungserklärung von Olaf Scholz – ihr erinnert euch noch an ihn? Der Kanzler zwischen Mutti und … OK; eigentlich war Scholz doch nicht so schlecht. Aber ich schweife ab.
Also Pumpe raus und pumpen. Nach drei, vier Minuten waren die Reifen wieder prall, ich schwitzte bereits, und die Apple Watch piepste fröhlich und fragte, ob ich ein High-Intensity-Cardio-Crosstraining begonnen habe oder doch eher medizinische Hilfe bräuchte.
Mein nächster Griff galt dem Fahrradschloss. Leider steckte der dazugehörige Schlüssel nicht im Schloss, sondern war im Keller unauffindbar. Also wieder hoch in die Wohnung. Nach schon 23 Minuten fand ich den Schlüssel genau dort, wo man einen Schlüssel nicht aufbewahrt: nämlich auf dem Fenstersims neben dem Schreibtisch unter drei Büchern und einem Paar Handschuhen. Aber was soll’s.
Also wieder runter, rauf aufs Rad, raus auf die Straße – es war ganz herrlich! Ganze vier Kilometer lang. Dann erreichte ich nämlich ein Stück Feldweg, das eigentlich nur mit schweren Kettenfahrzeugen befahren werden sollte. Tapfer und fluchend kämpfte ich mich zwischen Schlaglöchern und spitzen Steinen hindurch und erreichte einen Kilometer später wieder rettenden Asphalt. Freudig erregt fuhr ich ganze 17 Meter und 57 Zentimeter weiter und genoss die glatte Straße. Bis plötzlich ein seltsames Pfeifen unter mir die Stille der summenden Reifen durchbrach.
Was sich zunächst wie eine unkontrollierte Flatulenz anhörte, entpuppte sich als geplatzter Reifen. Vermutlich habe ich doch einen spitzen Stein nicht komplett umkurvt. Stattdessen bohrte sich der Übeltäter in Reifen und Schlauch und verletzte beide so sehr, dass irgendwann die letzten tapferen Gummimoleküle ihren Dienst quittierten und der von mir vor einer halben Stunde liebevoll gepumpten Kellerluft das Geschenk der Freiheit machten. Be free, little friends! Be free. Schon 45 Zentimeter später war mein Reifen platt, und ich rollte auf der Felge, was direkt nach dem Pneupups eben das zweitschönste Geräusch des Tages war.
Da stand ich nun also und analysierte meine Optionen. Das 5 mm große Loch zu flicken, verwarf ich sofort. Zu meiner Überraschung rang ich auch den Impuls nieder, das Rad in den Graben zu werfen und mir ein Uber zu holen. Also machte ich kehrt, ließ die Wander-App den kürzesten und direktesten Weg zurück nach Hause berechnen und schlappte los.
Der kürzeste und direkteste Wanderweg nach Hause führte mich erst auf einem ganz wunderbaren Weg durch ein Wäldchen. Ich fragte mich verzückt, weswegen ich dort noch nie geradelt bin. 150 Schritte später brachte des Rätsels Lösung ein umgestürzter Baum. Weitere 300 Schritte weiter hörte der Weg auf. Ich tappte weiter. Mehr oder weniger querfeldein. Oder besser: querwaldein. Und dann steckte da der knöcherne Schädel eines Rehs (?) auf einem Ast.
Schon spannend, wie das Hirn in solchen Situationen das erste Mal nach 20 Jahren denkt: „Höhö, der Wald hier sieht ja aus wie der aus ‚The Blair Witch Project‘“. Noch eine Stunde bis zur Dämmerung. Ich gebe Gas und erreiche nach nur einer guten Stunde und fünfzehn Minuten wieder die Wohnung. Die Nachbarin stand vor dem Haus und kam mir entgegen. „Dein Reifen ist ja platt.“ – „Ja“, sagte ich, „Radfahren ist mir zu effizient. Und zu spaßig. Daher habe ich irgendwann die Luft aus dem Reifen gelassen.“

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